Hilfe, mein Huhn hat Schlappohren

Es gibt diese Erzählung, dass sich Haustier und Besitzer immer ähnlicher werden, je länger sie zusammen leben. Während sich diese Geschichte lediglich als Aufhänger eignet, und ich sie leider weder bestätigen noch verneinen kann, gibt es einen anderen, verwandten Effekt. Haustiere, speziell Haustiere die nicht artverwandt sind, sehen sich alle untereinander irgendwie ähnlich; sofern das zwischen den Spezies möglich ist.

Lasst mich das etwas erläutern. Bereits Darwin, der sich den ganzen Evolutionskram ausgedacht hat, ist aufgefallen, dass sich allgemein Tiere, die vom Menschen gehalten werden, verändern. Er hat sich dabei speziell auf die Reproduktionsfähigkeit bezogen, was für seine Studien viel Bedeutung hatte1.

Später sind anderen Wissenschaftlern immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen domestizierten Spezies aufgefallen. Abgesehen davon, dass sie natürlich alle zahm waren, stellten sie auch fest, dass z.B. scheckiges Fell bei gezähmten Hunden, Pferden, Hasen, Hühnern (hier natürlich Federn) und Kühen häufiger auftritt, als bei den jeweiligen wilden Vorfahren/Verwandten. Gezähmte Tiere wurden auch eher kleiner (z.B. bei Hund und Wolf), bekamen Schlappohren, kleinere Zähne, ein etwas kleineres Gehirn und etliches mehr, vieles auch erst bei genauer Untersuchung feststellbar. Das Ganze wird dann unter dem Domestizierungs-Syndrom zusammengefasst.

Ein recht bekannter Versuch, der diesen Effekt zeigt, ist das Fox-Farm-Experiment, das von Dmitry Belyayev und Lyudmila Trut Mitte des letzten Jahrhunderts in Russland durchgeführt wurde. Hier wurden Füchse künstlich auf Zahmheit selektiert. Die Füchse, die den Wissenschaftlern gegenüber am freundlichsten waren, durften sich paaren. Nach einigen Generationen hatte man so zahme Füchse gezüchtet. Als Nebeneffekt haben diese Füchse ihre Fellfarbe geändert, Schlappohren und eine kürzere Schnauze bekommen; sie sahen also ihrem gezähmten Gegenstück, Hunden, immer ähnlicher. Und das alles ohne das bei der Zucht darauf geachtet wurde!

Eines der Fuchswelpen von der Fuchs-Farm, mit Schlappohren.

Der Grund dafür ist ein Phänomen aus der Genetik; die Pleiotropie. Dabei bewirkt ein Gen viele verschiedene, voneinander scheinbar unabhängige, Veränderungen am Lebewesen. Pleiotropie ist tatsächlich eher als die Ursache von einigen Krankheiten bekannt. Speziell geht es dabei um Krankheiten, die eben durch die Pleiotropie ein komplexes Symptombild haben. Albinismus wird zum Beispiel durch die Fehlfunktion eines Gens ausgelöst, das Melanin produziert. Diese einzelne Änderung führt dann zu der weißen Färbung der betroffenen Individuen, zu Augenproblemen, geringere Lebenschancen und auch Hörproblemen; also Symptome, die ohne diese Genänderung scheinbar nichts miteinander zu tun hätten.

Bei den Haustieren ist es ähnlich. Die Selektion auf Zahmheit, die automatisch passiert, wenn sich Tiere dem Menschen annähern, äußert sich konkret in einer Änderung der Hirnchemie. Die Tiere sind so weniger scheu und schütten in Anwesenheit von Menschen zum Beispiel weniger Adrenalin aus. Diese Hirnchemieänderung wird durch Anpassungen in der sogenannten Neuralleiste hervorgerufen.

Die Zellen der Neuralleiste sind pluripotent, das heßt sie können sich in viele verschiedene Zellen mit diversen Aufgaben entwickeln. Hier kommt die Pleiotropie ins Spiel. Ändert man etwas an der Genetik der Neuralleiste, um später Zahmheit zu begünstigen, dann hat das zwangsweise auch einen Einfluss auf die anderen Merkmale, die die Neuralleiste steuert. Dazu gehören eben auch die oben beschriebenen Eigenschaften, wie Fellfarbe und Muster etc.


Coole Erklärung, oder? Schade nur, dass sie komplett falsch ist. Schlimmer noch: Das gesamte Domestizierungs-Syndrom gibt es vielleicht überhaupt nicht.

Okay, was ist passiert? 2019 wurde ein Paper veröffentlicht, dass die Kredibilität des Fuchs-Farm Experiments in Frage stellt. Die Füchse der ersten Generation waren demnach nicht wild, sondern stammten aus einer Fellproduktion in Kanada. Das ist offensichtlich problematisch. Die Füchse waren so schon seit Generationen in Kontakt mit Menschen, weswegen sie schon als weitgehend domestiziert gegolten haben, bevor sie die Farm in Russland überhaupt erreicht haben.

Die Argumentation ist etwas verwirrend, aber der Schlüssel ist, Domestizierung nicht mit Zahmheit gleichzusetzen. Zahmheit ist eine Eigenschaft, die typischerweise in domestizierten Tieren auftritt. Allerdings kann sie, wie jede andere Eigenschaft, unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Ein scheuer Fuchs kann also auch als domestiziert gelten.

Das ist der Kern der Kritik. Die kanadischen Füchse hatten die genetischen Anlagen schon, und diese wurden dann durch Selektion auf Zahmheit reaktiviert. So etwas kann auch unterbewusst passieren, indem man beispielsweise besonders aggressive Individuen wegsperrt, weil sie die anderen sonst zerfleischen.

Diese neuen Befunde stellen nicht per sé die gesamte Existenz des Domestizierungssyndroms infrage, allerdings fordern sie mindestens eine Neuauswertung der Beweise.

Die Autoren kritisieren auch, dass es keine einheitliche, von Studien gestützte Definition des Domestizierungssyndroms gibt. Die Eigenschaften, die ich oben aufgezählt habe, wurden zwar anekdotisch von Wissenschaftlern festgehalten, aber sobald man konkretere Studien ansetzt, bricht das Bild in sich zusammen.

Die wissenschaftlichen Arbeiten widersprechen sich dort gegenseitig oder nennen komplett verschiedene Merkmale als charakteristisch für eine gezähmte Art. Außerdem sind viele der wilden Spezies, mit denen man die gezähmten Tiere verglichen hat, gar nicht wild. In den USA gibt es zum Beispiel eine “wilde” Pferdepopulation, die von entlaufenden Pferden europäischer Siedler abstammt. Auch bei Wölfen ist es möglich, dass diese mit den Hunden viel enger verwandt sind, als früher gedacht, weswegen sie einige, der für die Domestizierung relevanten, Eigenschaften bereits besitzen.

In den Spalten sind die einzelnen Studien eingetragen, in den Reihen verschiedene Merkmale, die jeweils das Domestizierungs-Syndrom darstellen sollen. Offensichtlich stimmen die Studien überhaupt nicht darin überein, was sie als definierende Merkmale ansehen.

Diese Erkenntnis hat zu einem Streit in der wissenschaftlichen Community geführt. Konkret geht es darum, was denn nun Domestizierung genau ist, und ob bisherige Erklärungsmodelle noch funktionieren. Die Autoren verwenden unterschiedliche Definitionen (wie eben schon beschrieben) und versuchen so jeweils Beweise für andere Dinge zu finden, obwohl sie eigentlich alle über die gleiche Sache reden wollen.

Nach zahlreichen Veröffentlichungen lässt sich der momentane Ansatz so zusammenfassen:

  1. Es gibt ein Domestizierungs-Syndrom, allerdings umfasst es weniger Eigenschaften. Der Begriff umfasst nun allgemein die Veränderungen durch das Leben mit dem Menschen, und nicht ob diese Veränderungen zwischen Spezies immer gleich sind.
  2. Die Hauptursache liegt bei dem durch die Domestizierung veränderten Lebensraum, der konvergente Evolution ähnlicher Merkmale bei verschiedenen Spezies ermöglicht.

Den zweiten Punkt erkläre ich nochmal genauer: Zähmt man ein Tier, passt man automatisch seinen Lebensraum an. Nahrung ist zum Beispiel viel einfacher zugänglich und Fressfeinde stellen eine kleinere Gefahr dar. Das könnte zum Beispiel dazu führen, dass sich die Gehirngröße verringert, weil weniger Rechenpower für diese Aufgaben notwendig ist.

Die Lebensraumanpassungen, die die Wissenschaftler explizit vorschlagen, sind:

  1. Weniger Selektion durch Einschränkung der Wahl der Weibchen. Soll heißen Weibchen suchen sich ihren Partner nicht mehr selbst aus.
  2. Wenige Selektion durch fehlenden Wettkampf unter Männchen. Wettkampf wird von Menschen als schlecht angesehen, weil die Tiere dadurch aggressiv werden. Deswegen wird er unterbunden.
  3. Mehr oder weniger Ressourcen, wie oben mit Nahrung beschrieben.
  4. Mehr Fortpflanzung begünstigt, weil das gut für Züchtung ist.

Weil diese Anpassungen für quasi alle Haustiere gelten, entwickeln sie alle individuell Lösungen dafür, die dank der Konvergenz ähnlich ausfallen können. Das führt dann zu dem beobachteten Effekt. Die Rolle von Pleiotropie und der Neuralleiste wird hier als viel weniger relevant bewertet.

Ich fand diese Geschichte spannend, weil es faszinierend ist, wie lange ein falsches Stück Wissen als Fakt existieren kann, nur weil es plausibel klingt und niemand genauer nachguckt. Also: immer schön drauf achten, was ihr für Fakten und Geschichten weitererzählt, am Ende steckt nichts dahinter. Aber bitte passt auf, dass ihr nicht in die schwurbelei abrutscht und am Ende die Existenz der hohlen Erde anzweifelt!


Bildquellen:


  1. Soweit ich das verstehe, wollte er herausfinden, was der Unterschied zwischen Spezies und Rassen ist. Haustiere können sich untereinander paaren, auch wenn sich zum Beispiel zwei Hunde nicht ähnlich sind. Bei wilden Tieren ist das laut Darwin eben nicht so. ↩︎

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