In der Eiszeit haben sie Fluten noch richtig gemacht!!!

Ich kann für diesen Beitrag nur empfehlen, ihn auf einem Desktop-PC/Laptop zu lesen! Auf dem Handy sind viele Bilder zu klein und die Formatierung echt nicht so toll. Ich versuche das in Zukunft besser zu machen, aber momentan ringe ich noch mit WordPress.

In Utah, etwa 100 Kilometer östlich von Salt Lake City1, liegen die Uinta Mountains. Die Uinta Mountains sind ein super szenisches Gebirge, komplett mit Schwarzbären, Bergseen, Elchen und hohen Gipfeln. An der Südostflanke befindet sich auch noch das Dinosaur National Monument, gleich neben der Stadt Dinosaur, in der alle Straßen nach Dinosauriern benannt sind.

Aber auch wenn ich nur ungerne über etwas anderes als Dinosaurier schreibe, soll es darum heute tatsächlich nicht gehen. Für unsere Geschichte interessiert uns eher ein Fluss, der in den Uinta Mountains entspringt: der Bear River.

Die längste Zeit seiner Existenz ist der Bear River in den Bergen Utahs entsprungen und von dort aus etwa 300 Kilometer nach Norden geflossen, um schließlich den Snake River zu speisen. Nach circa zwei Dritteln seines Verlaufs passiert der Bear River dabei einen Ort, an dem heute die Stadt Soda Springs liegt. Diese Stadt verdankt ihren Namen kohlensäurehaltigem Wasser, das aus zahlreichen Quellen austritt. Die Kohlensäure hat ihren Ursprung in der vulkanischen Aktivität der Gegend. Und genau diese Aktivität nahm vor 140.000 Jahren Einfluss auf den Verlauf des Bear Rivers.

Veränderter Flussverlauf des Bear Rivers

Eine Eruption eines Vulkans sorgte dafür, dass ein erkalteter Lavastrom den ursprünglichen Verlauf blockierte, und den Fluss nach Süden umleitete; direkt in Richtung des Great Basin (Großes Becken).

Nun ist der Name Great Basin nicht nur irgendein Name, sondern eine ziemlich akkurate Beschreibung der Landschaft. Es handelt sind um eine tief gelegene Ebene, die in allen Himmelsrichtungen von Gebirgen umgeben ist. Eines davon ist zum Beispiel das oben erwähnten Uinta Gebirge im Osten. Die Gebirge bilden also eine Art Wall um die Ebene, was bedeutet, dass es keinen natürlichen Abfluss für hineinfließendes Wasser gibt. Aus diesem Grund beinhalten die tieferen Ebenen oft große Seen, die durch Niederschlag und Zuflüsse aus den Bergen gespeist werden, und deren Wasserstand durch ein Gleichgewicht aus diesen Zuflüssen und Verdunstung für ausgedehnte Zeiten relativ konstant bleibt.

Ehemalige Uferlinien, die durch verschiedene Wasserstände entstehen, sind oft noch in der Landschaft erkennbar. Hier sind ehemalige Strandlinien des Lake Bonneville zu sehen.

Der Bear River speziell fließt nach der Eruption in das sogenannte Bonneville Basin, das also essenziell eine Landschaft darstellt, die eine gigantische Badewanne ist. Es befindet sich dort, wo heute der Große Salzsee liegt. Auch damals gab es dort schon einen See, dessen Wasserstand mit dem des Salzsees in etwa übereinstimmte, wobei er häufig größer war.

Dieser Größenunterschied ändert sich durch die Umleitung des Bear Rivers, die durch eine Klimaänderung mit mehr Niederschlag begleitet wird, deutlich. Der Lake Bonneville steigt auf vorher nicht dagewesene Höhen an und nimmt dabei eine Fläche von über 50.000 km2 ein, was in etwa der Fläche Sloweniens oder knapp 20 mal der des Saarlands entspricht. An seiner tiefsten Stelle ist er bis zu 300 Meter tief. Im Bild rechts kann man gut sehen, wie unfassbar groß er im Vergleich zum Großen Salzsee ist.2

Vor 14.500 Jahren kam es dann zur Katastrophe. Der See erreichte seinen maximalen Pegelstand. Am sogenannten Red Rock Pass, der niedrigsten Stelle im umgebenden Gebirge, bedeutete das konkret, dass das Wasser dort fast überlief. Der Red Rock Pass bestand zudem nicht aus festem Gestein, sondern war viel mehr ein Damm aus losem Gestein und Sand.

Das bedeutet, dass durch das unvermeidliche Überschwappen vom Wasser eine Art Kettenreaktion ausgelöst wurde. Falls ihr, wie ich, als Kinder gerne auf Wasserspielplätzen gespielt habt, kennt ihr das vielleicht. Wenn man in einen Damm aus Sand einen noch so kleinen Kanal gräbt, dann wird dieser Kanal unvermeidlich dafür sorgen, dass der Damm bald nicht mehr existiert. Das Wasser trägt Sand und Steine einfach weg und vernichtet stundenlange Arbeit meines siebenjährigen Ichs. Und genau das ist mit dem Lake Bonneville am Red Rock Pass passiert. Nur größer. Viel größer. Unvorstellbar viel größer.

Mit dem Google-Maps Fenster kann man vielleicht ein Gefühl für die Dimensionen entwickeln. Die Position ist genau dort gewählt, wo vor über 10.000 Jahren der Damm gebrochen ist. Richtet ihr die Kamera so aus, dass das Monument links von euch ist, dann blickt ihr in Richtung des ehemaligen Sees, der sich bis zum Horizont erstreckte (und noch viel weiter). An dieser Stelle wurde der Wall aus Sedimenten von Wassermassen weggespült, die den Durchfluss des Amazons in Brasilien um das Fünffache übertrafen – und das wochenlang.

Im nächsten Bild ist noch eine andere Perspektive gewählt. In rot sieht man den bis vor die Flut existierenden Damm, von woher die vorige Aufnahme stammt. Im Hintergrund (Blickrichtung ist Südwesten) kann man gut das Becken sehen, wo ich professionell angedeutet habe, wo überall Wasser war. Wie schon oben gesagt, die Dimension ist eigentlich nicht vorstellbar.

Die Spuren der Flut sind noch heute gut in der Landschaft zu erkennen. Das Wasser floss in den Snake River ab (also dort hin, wo früher der Bear River geendet ist), jedoch war es so viel Wasser, dass es seine Grenzen verließ. Im Bild liegt der Snake River unten. Darüber kann man gut einen Streifen Land erkennen, wo das Flutwasser sich vom Flussverlauf getrennt hat und die obere Erdschicht abgetragen hat. Deswegen kann dort bis heute keine Landwirtschaft betrieben werden.

Wenn das Wasser enge Stellen in z.B. einer Schlucht passieren musste, dann stieg dort seine Geschwindigkeit und es trug immens viel Geröll ab. Diese Steine wurden von den Wassermassen mitgerissen, vom im Wasser enthaltenen Sand schön rund geschliffen und weiter stromabwärts deponiert. Heute findet man deshalb riesige Felder voll von Steinen, die teilweise bis zu fünf Meter groß sind.

Neben einem der Geröllfelder hat ein Anwohner ein Schild mit der Aufschrift „Versteinerte Wassermelonen – Nimm eine für deine Schwiegermutter mit!“ aufgestellt. Das hat dazu geführt, dass die offizielle Bezeichnung für Felder ebendieser Art nun „Watermelon Gravel“ (Wassermelonen-Kiesel) ist.

Die versteinerten Wassermelonen haben mich auf eine Tangente von verrückten Namen in der Umgebung des Great Basin geworfen. Es gibt dort zum Beispiel mindestens fünf verschiedene Berge, die Mollys Nipple heißen. Die Bezeichnung wurde der Legende nach3 wohl von einem Pionier names John Kitchen vergeben, der damit seiner Frau eine Freude machen wollte. Ich frag mich, wie das angekommen ist?

Wie man es aus den USA in der Siedlerzeit erwarten würde, waren/sind Bezeichungen dieser Art ziemlich weit verbreitet. Da die Namen oft von Männern vergeben wurden, sind sie für gewöhnlich auf die weibliche Anatomie oder Fäkalhumor beschränkt. Klassiker.

Hier ein paar Beispiele von den Namen, die nicht in das gerade beschriebene Muster passen, zusammen mit der jeweils gebrachten (fragwürdigen) Erklärung, die die Namen rechtfertigen soll:

  • Blue Balls: Angeblich benannt nach einer Bar, in der es einen blauen Ball auf einem Schild gab.
  • Intercourse: Benannt nach eine Wegekreuzung.
  • Bloody Dick Creek: Der Typ der den Namen vergeben hat, saß im Bennenungskomitee…

Für mehr Beispiele und eine recht interessante Aueinandersetzung mit dem Thema kann ich nur empfehlen, mal in das Kapitel hier aus einem Buch von Mark Monmonier reinzulesen.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf Flutereignisse. So etwas wie am Lake Bonneville gab es tatsächlich recht häufig, vor allem in Nordamerika und anderen Gegenden mit großen Gletschern, wie zum Beipiel in Südasien. Die Fluten wurden dort allerdings etwas anders ausgelöst.

Bahnte sich eine wärmere Phase der Eiszeit an, dann schmolzen große Teile der Eismassen ab. Wenn die Geologie der Landschaft mitspielt, dann kann es passieren, dass das enstehende Wasser wie beim Lake Bonneville große natürliche Becken füllt. Der Unterschied ist hier, dass der Ausgang für gewöhnlich nicht zwangsweise von Sedimenten versperrt sein muss, sondern auch einfach vom Gletscher selbst.

Im Fall vom Lake Missoula, der nur einige hundert Kilometer nörlich vom Lake Bonneville, in der Nähe vom Yellowstone Nationalpark, lag, ist genau das passiert. Der Abfluss, eine Schlucht, war durch einen Gletscher verstopft, wodurch der Wasserpegel des Sees immer weiter gestiegen ist. Verschiedene Effekte führten dann schlussendlich zur Katastrophe.

  1. Das Wasser übt logischerweise einen immensen statischen Druck auf das Eis aus.
  2. Eis ist weniger dicht als flüssiges Wasser, weswegen der See eine anhebene Kraft auf den Gletscher ausübte.
  3. Der hohe Druck in der Tiefe sorgt neben der reinen Kraftwirkung auch dafür, dass das der Gefrierpunkt des Eises gesenkt wird, und es mitunter auftaut. Dadurch bilden sich kleine Kanäle im Eis, die sich durch das sie durchströmende Wasser aufwärmen und somit selbstverstärkend vergrößern.

Die Flut war zwar von der Wassermenge her kleiner als bei Bonneville, allerdings entleerte sich der Lake Missoula in einer Zeit von wenigen Tagen, also sehr viel schneller. Demensprechend gewaltig war auch die Flutwelle. Sie maß zwischen 100 und 300 Metern hoch, einige Kilometer breit und besaß einer Energie, die ungefähr 4.500 Megatonnen TNT entspricht. Auch hier trugen die Wassermassen gigantische Mengen an Geröll und Eis mit sich. Und sie geschah nicht nur einmal.

Dadurch das der See durch einen Eiswall aufgehalten wurde, fror dieser nach der Flut einfach wieder zu, und das Ganze wiederholte sich. Der Lake Missoula hat dadurch wohl rund 40 verschiedene Fluten im Abstand von einigen Jahrzehnten ausgelöst.

Im ehemaligen Becken des Sees kann man gut die vielen verschiedenen Wasserstände erkennen, bevor eine Flut passiert ist.

Die Wassermassen haben stromabwärts die sogenannten Channeled Scablands gebildet, in denen man gut die Einflüsse des Wassers sehen kann.


Gegen Ende sind hier noch ein paar Kleinigkeiten, die ich am Rande mit gelesen habe.

  • Die Missoula-Wassermassen haben einen Meteoriten (den Willamette-Meteorit) mit transportiert, der von den lokalen Ureinwohnern als heilig verehrt wurde. Natürlich wurde er dann irgendwann von europäischen Siedlern geklaut. Heute gibt es eine Einigung, dass der Stein solange im National Museum of History in New York liegen darf, bis er öffentlich nicht mehr ausgestellt wird, woraufhin er zurückgegeben werden soll.
  • Der Geologe, der den Lake Bonneville als erstes umassend beschrieben hat, hieß G.K. Gilbert. Er ist unter anderem noch dafür bekannt, dass er lage Zeit angezweifelt hat, dass der Barringer Krater von einem Meteor verursacht wurde. Er nahm einen Vulkanausbruch als plausibler wahr. Sonst war er wohl ein ziemlicher Bilderbuch-Geologe, der angeblich einmal vor Dinosaurier-Knochen zurückschreckte, um stattdessen das Loch zu untersuchen, in dem sie lagen. Einer seiner Geologen beschrieb ihn außerdem als besonders unordentlich und verglich sein Büro mit einem Bärenzwinger.

  1. Salt Lake City wurde übrigens von den Mormonen gegründet, mit der Absicht das gelobte Land in Form eines theokratischen Staats zu erschaffen. Das ging solange gut, bis das Gebiet nach dem US-Mexiko Krieg an die Vereinigten Staaten fiel, die da ein Wort mitreden wollten. Auf YouTube gibt es ein spannendes Video darüber, wo man das noch heute in der Architektur der Stadt nachvollziehen kann. ↩︎
  2. Dazu sei leider erwähnt, dass das Bild den großen Salzsee mit einem Wasserstand von vor einigen Jahrzehnten zeigt. Heute ist er durch den Klimawandel usw. sehr viel kleiner und wird nach vielen Prognosen bereits 2030 komplett verschwunden sein. Gesetze die das stoppen sollten wurden vom Gouverneur als „dumm“ bezeichnet… ↩︎
  3. Es gibt auch einige Quellen, die behaupten „Molly“ sei eine umgangssprachliche Bezeichung für Sexarbeiterinnen im Wilden Westen gewesen. ↩︎

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